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Forschungsstelle Osteuropa
Die Forschungsstelle Osteuropa (FSO) ist als An-Institut eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung an der Universität Bremen. Sie wird gemeinsam von der Kultusministerkonferenz und dem Land Bremen finanziert. Im Jahre 1982 mitten im Kalten Krieg gegründet, versteht sich die FSO heute als ein Ort, an dem der Ostblock und seine Gesellschaften mit ihrer spezifischen Kultur aufgearbeitet sowie aktuelle Entwicklungen in der post-sowjetischen Region analysiert werden.
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Archivale des Monats
Musik als letzte Hoffnung und letzte Zuflucht
Zum 120. Geburtstag von Dmitri Schostakowitsch

Dmitri Schostakowitsch, 1964. Archiv der Forschungsstelle Osteuropa, Foto: Muriel Nägler.
„Dem lieben Leonid Weniaminowitsch Fejgin in guter Erinnerung.
D. Schostakowitsch, 19.06.1964 Moskau“
Diese Widmung schrieb Dmitri Schostakowitsch seinem geschätzten Leningrader Musikkollegen, dem Cellisten Leonid Fejgin, auf das Foto aus dem Jahr 1964, das sich heute im Bestand Fejgins im Archiv der Forschungsstelle Osteuropa befindet. Es ist eines der wenigen Fotos von Schostakowitsch, auf denen der damals als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten anerkanntе 58-jährige ruhig und ausgeglichen in die Kamera blickt. Hinter ihm lagen die dramatischen und tragischen Jahre eines musikalischen Wunderkindes und Klaviervirtuosen, der bei Lehrern gelernt hatte, die noch Tschajkowskij kannten. Doch die Epoche der Kriege und Revolutionen, in der er lebte, brachte ihm sowohl internationalen musikalischen Ruhm als auch Verfemung und Verfolgung im eigenen Land. Allein der missgelaunte Prawda-Artikel von Stalin 1936 „Chaos statt Musik“ bei der Premiere von Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ stellte den Komponisten in die totale künstlerische Isolation; ohnmächtig erwartete er das Berufsverbot, wenn nicht Verhaftung und Lager.
So makaber es klingen mag, aber Hitlers Überfall auf die Sowjetunion 1941 bedeutete für den patriotischen Leningrader Schostakowitsch weniger Druck des Diktators im eigenen Land und mehr Beachtung in der Weltöffentlichkeit, die einen gewissen Schutz bedeutete. Seine 7., die „Leningrader Sinfonie“, wird bis heute von den meisten Geschichtsschreibern und Musikkritikern hartnäckig einseitig gedeutet, der Komponist habe darin die deutsche Invasion festgehalten. Dabei hatte Schostakowitsch diese Sinfonie lange vor dem Überfall begonnen und, wie er später dem Musikwissenschaftler Solomon Wolkow gestand, schrieb er diese Musik grundsätzlich gegen alle Diktaturen und Despoten.
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg konnte sich der weltberühmte Komponist nicht in Sicherheit wähnen: 1948 fiel er erneut der „Formalismus-Kampagne“ zum Opfer, die mehrere Aufführungsverbote seiner Werke nach sich zog. Erst die liberale Tauwetterperiode um 1960 ermöglichte es ihm, relativ frei zu arbeiten. Namhafte Orchester und Solisten im In- und Ausland warteten ungeduldig auf jede neue Komposition von ihm.
Obwohl Chruschtschow der kurzen liberalen Phase wieder mal ein Ende setzte, schrieb Schostakowitsch 1962, seinem Stil treu geblieben, die 13. Sinfonie, vor deren Aufführung die meisten Dirigenten zurückschreckten und aus Angst vor Repression ihre Mitwirkung absagten. Ähnlich verhielt es sich mit seinem Werk „Jüdischer Lieder-Zyklus Babyj Jar“ und der 14. Sinfonie, bei der ihm öffentlich unterstellt wurde, seine Musik sei zu düster, zu sehr vom Tod geprägt, hatte er darin doch versucht, den „Holocaust durch Kugeln“ zu vertonen. Schostakowitsch erwiderte darauf, in ihr protestiere er nicht gegen den Tod, sondern gegen die Henker.
Doch die Jahrzehnte der Demütigung, Verfolgung und Erpressung sowie die noch schlimmeren Schicksale seiner Freunde und Wegbegleiter jener Zeit hinterließen in ihm tiefe seelische Narben. Angst war und blieb wohl der prägendste Zustand des Menschen Schostakowitsch. Oder wie er sich einmal äußerte: „Ich dachte an meine Freunde und Bekannte. Und ich sah nur Tote, Berge von Toten… und dieses Bild erfüllt mich mit abgrundtiefer Trauer.“
Doch der Mensch Schostakowitsch darf keinesfalls mit dem Künstler Schostakowitsch verwechselt werden! Der Komponist Schostakowitsch hinterließ der Nachwelt 15 Sinfonien, mehrere Opern, ein umfangreiches Kammermusikwerk, Konzerte für Soloinstrumente, Filmmusiken und vieles mehr. Wäre Schostakowitsch nicht bereit gewesen, von Zeit zu Zeit staatlich verordnete Auftragswerke zu schreiben, hätten er und seine Familie in der Sowjetunion kaum überleben können. Musik war für ihn die letzte Hoffnung und die letzte Zuflucht.

Leonid Fejgin und vermutl. seine Ehefrau neben Dmitri Schostakowitsch, 1964. Archiv der Forschungsstelle Osteuropa, Foto: Muriel Nägler.
Auf beiden Fotos von 1964 sieht man einen freundlichen, nachdenklichen, bescheidenen, aber auch einen lebensmüden Menschen. Für die musikalische Fachwelt eine unumstrittene Jahrhundertgröße, von heimischen und internationalen Musikern hoch verehrt, konzentrierte sich Schostakowitsch nur auf sein musikalisches Erbe. 1966 ereilte ihn der erste Herzinfarkt, weitere folgten. Doch gearbeitet hat er bis zu seinem Tod 1975.
Allzu sehnlichst wünscht man sich, diese bedrückende Erzählung sollte endlich der Vergangenheit angehören. Doch dem ist nicht so. Um die gegenwärtige Stimmung und den Klang von Schostakowitschs Heimat heute zu spüren und nachzuempfinden, scheinen besonders seine Solokonzerte, sein sinfonisches Werk und seine Kammermusik geeignet zu sein.
Maria Klassen
Lesetipps:
Volkow, Solomon (Hg.): Zeugenaussage. Die Memoiren des Dmitrij Schostakowitsch, Hamburg 1979.
Meyer, Krzysztof: Schostakowitsch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit, Bergisch Gladbach 1995.
Barnes, Julian: Der Lärm der Zeit, Köln 2017.
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