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Wissenswertes
Forschungsstelle Osteuropa
Die Forschungsstelle Osteuropa (FSO) ist als An-Institut eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung an der Universität Bremen. Sie wird gemeinsam von der Kultusministerkonferenz und dem Land Bremen finanziert. Im Jahre 1982 mitten im Kalten Krieg gegründet, versteht sich die FSO heute als ein Ort, an dem der Ostblock und seine Gesellschaften mit ihrer spezifischen Kultur aufgearbeitet sowie aktuelle Entwicklungen in der post-sowjetischen Region analysiert werden.
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Archivale des Monats
Von der Charta 77 zur Städtepartnerschaft Prag – Hamburg
Zum 95. Geburtstag von Karel Trinkewitz

Brief von Karel Trinkewitz an Jan Patočka, 1977. Archiv der Forschungsstelle Osteuropa, Foto: Ivana Došlíková.
Der Künstler Karel Trinkewitz (1931-2014) musste im Laufe seines Lebens mehrfach erleben, wie politische Systeme Menschen aufgrund ihrer Herkunft und Überzeugungen ausgrenzen. Im deutsch besetzten Böhmen und Mähren wurde er gemeinsam mit seiner Familie als „Halbjude“ verfolgt, in der Nachkriegs-Tschechoslowakei wegen seiner deutschen Abstammung benachteiligt. Auch seine Unterstützung für Alexander Dubčeks Reformversuch des „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ hatte nach der Niederschlagung des Prager Frühlings weitreichende Folgen für ihn.
Trotz der wiederholten Diskriminierungen und staatlichen Repressionen blieb Trinkewitz seinen Überzeugungen treu. Als das kommunistische Regime 1977 mit der sogenannten Anticharta KünstlerInnen zu einem öffentlichen Bekenntnis ihrer Loyalität zwang, setzte er ein eigenes Zeichen und unterzeichnete stattdessen die Charta 77, eine Erklärung tschechoslowakischer DissidentInnen zur Verteidigung der Menschen- und Bürgerrechte. In einem Brief an den Philosophen Jan Patočka vom 22. Februar 1977 erklärte er:
„Ich muss gestehen, dass mich vor allem persönliche Beweggründe leiten, wenn ich Sie um die Ehre bitte, meine Unterschrift unter die Charta 77 setzen zu dürfen. Ich empfinde, dass ich nicht das Recht hätte, auch nur eine Zeile zu schreiben, einen einzigen Pinselstrich zu setzen, wenn ich nicht zugleich meine feste Überzeugung von der Notwendigkeit der Meinungsfreiheit für jeden Bürger in jedem Land der Welt und auch in unserem eigenen Land zum Ausdruck brächte.‘‘

Hamburger Delegation in Prag, Karel Trinkewitz, Henning Voscherau und Jaroslav Kořán, 1990. Archiv der Forschungsstelle Osteuropa Foto: Ivana Došlíková.
Sein Engagement für die Charta 77 blieb nicht ohne Folgen. Die anhaltende Verfolgung zwang ihn 1979, die Tschechoslowakei zu verlassen und nach Hamburg zu gehen. Doch auch im Exil blieb Prag für ihn sein geistiger und persönlicher Bezugspunkt. Er setzte sich weiterhin für die Rechte der UnterzeichnerInnen der Charta 77 ein, kritisierte das Regime und hielt den Kontakt zu Gleichgesinnten im Exil. „Ich lebe aber auch jetzt zum Teil im Prager geistigen Milieu [...]“, schrieb er 1985.
Diese Verbundenheit sollte auch nach dem politischen Umbruch von 1989 fortbestehen. Unmittelbar nach der Samtenen Revolution verband Trinkewitz mit der Tschechoslowakei große Hoffnungen auf einen demokratischen Neubeginn. Er pendelte zwischen Hamburg und Prag und wollte den gesellschaftlichen Wandel aktiv mitgestalten und Brücken zwischen seiner alten und neuen Heimat bauen. Gemeinsam mit Václav Havel und dem Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau gehörte er zu den Initiatoren der Städtepartnerschaft zwischen Prag und Hamburg. Als Berater und Vermittler setzte er sich unermüdlich für den kulturellen und politischen Austausch zwischen den Städten ein, selbst dann, wenn seine Arbeit nicht die Anerkennung fand, die er sich erhofft hatte. 1995 würdigte die Freie und Hansestadt Hamburg sein Engagement schließlich mit der Verleihung der Biermann-Ratjen-Medaille.
Karel Trinkewitz ist heute vor allem als Künstler bekannt. Sein Nachlass, der nach seinem Tod auf die Initiative des Wissenschaftlers Wolfgang Schlott in das Archiv der Forschungsstelle Osteuropa Bremen kam, zeigt jedoch, dass sein Wirken weit über die Kunst hinausreichte. Er umfasst nicht nur das Werk eines Künstlers, sondern auch die Spuren eines lebenslangen Engagements für Meinungsfreiheit und demokratische Rechte. Am 23. August 2026 wäre er 95 Jahre alt geworden.
Ivana Došlíková
Lesetipps
Burianová, Klára; Schlott, Wolfgang; Steinwachs, Ginka: Karel Trinkewitz, Praha 2016.
Kutz-Bauer, Helga: Prag – schönste Schwester Hamburgs. Mosaikbild einer besonderen Stadt, Hamburg 1994.
Ivana Došlíková arbeitet als Projekt- und Honorar-Archivarin an der Forschungsstelle Osteuropa.
Die Erschließung des Nachlasses wurde durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur im Rahmen des Projekts „Vergessene Dissident*innen? Regimekritische Exilant*innen aus der Tschechoslowakei und Polen im Einsatz für Demokratie und europäische Verständigung“ mitfinanziert.
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