CfA: „Challenges of Data Collection, Re-use, and Analysis: Public Opinion, Political Debates, and Protests in the Context of the Russo-Ukrainian War"
The Research Centre for East European Studies (FSO), Bremen, 25-27.08.2025
Buchvorstellung/Gespräch
19:00 Uhr, Theater Bremen, Foyer Großes Haus
"White But Not Quite": Gibt es antiosteuropäischen Rassismus?
mit Autor Ivan Kalmar
Einführung: Klaas Anders, Moderation: Anke Hilbrenner
Kolloquiumsvortrag
18:15 Uhr, IW3 0330 / Zoom
Muriel Nägler
Einführung für Studierende
Kolloquiumsvortrag
18:15 Uhr, IW3 0330 / Zoom
Agata Zysiak (Vienna/Lodz)
The Socialist Citizenship. Social Rights and Class in Postwar Poland
Buchvorstellung und Gespräch
18:00 Uhr, Europapunkt
Ein Russland nach Putin?
mit Jens Siegert und Susanne Schattenberg
CfP: Coming to the Surface or Going Underground? Art Practices, Actors, and Lifestyles in the Soviet Union of the 1950s-1970s
The Research Centre for East European Studies (FSO), Bremen, November 13-14, 2025
Kolloquiumsvortrag
18:15 Uhr, IW3 0330 / Zoom
Hera Shokohi (Bonn)
Genozid und Totalitarismus. Die Sprache der Erinnerung an die Opfer des Stalinismus in der Ukraine und Kasachstan
Kolloquiumsvortrag
18:15 Uhr, IW3 0330 / Zoom
Sheila Fitzpatrick (Melbourne)
Lost Souls. Soviet Displaced Persons and the Birth of the Cold War
Wissenswertes
Orwells „1984“ und der „stille Protest“ in Russland
Zur Aktualität von George Orwells Roman „1984“
Samisdat-Ausgabe von George Orwells Roman „1984“ von M. Petrow. Archiv Forschungsstelle Osteuropa. Foto: Maria Klassen.
Das in den ersten Tagen des Kalten Krieges erschienene Buch „1984“ von George Orwell wurde nicht nur schnell zu einem Bestseller, sondern galt als „Bibel" des Antikommunismus. Es wurde auf allen Kontinenten, in 60 Sprachen und in Millionen von Exemplaren verkauft. In der UdSSR konnte der Roman erstmals während der Perestroika veröffentlicht werden; allerdings kursierten seit den 1960er Jahren russische Übersetzungen des Buches im „Samisdat“. Diese Ausgabe, die das Archivale des Monats darstellt, stammt von M. Petrow.
Die Relevanz des Buchs zeigte sich nicht zuletzt auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, als die ukrainische First Lady Olena Selenska die Situation in Russland mit der Gesellschaft des dystopischen Romans verglich. Im April dieses Jahres verhafteten die Behörden in der russischen Stadt Iwanowo den Aktivisten Dmitri Silin, weil er den Roman kostenlos an die Einwohner*innen verteilt hatte. Ihm wurde nichts Geringeres als die "Diskreditierung der russischen Armee" vorgeworfen.
Hier kommt die Frage auf, wie ein in den 1940er Jahren geschriebener Roman die russische Armee von heute diskreditieren kann? Das Gesetz über die "Diskreditierung der russischen Armee" Nr. 32-FZ vom 4. März 2022 wurde erlassen, um jegliche Antikriegsrede oder -handlung zu kriminalisieren. Dies hatte zur Folge, dass unabhängiger Journalismus in Russland faktisch unmöglich wurde. Alle unabhängigen Medien mussten entweder schließen oder ihre Redaktionen ins Ausland verlegen.
Orwells Buch ist zu einem Symbol der Meinungsfreiheit und der Antikriegsproteste geworden. So findet man das Buch in Cafés und Geschäften an der Kasse oder im Schaufenster, wo es „ausgesetzt“ wird. Wie die Initiator*innen dieses "versteckten Protests" der Forscherin Alexandra Archipowa mitteilten, ist Orwells Roman ein Erkennungszeichen für den Widerstand gegen den Krieg geworden.
Dass Orwells Buch zum Symbol des "stillen Protests" der gegenwärtigen russischen Gesellschaft gegen den Krieg in der Ukraine wurde, und nicht sein russischsprachiges Pendant, Jewgeni Samjatins Roman "Wir", liegt nicht daran, dass der Roman eine totalitäre Gesellschaft beschreibt, denn das tut Samjatin ebenso. Vielmehr begann Orwell seinen Roman während des Zweiten Weltkriegs und stellte sich eine Gesellschaft vor, die aus dem Sieg des Nationalsozialismus hervorgehen würde. Er beendete das Buch 1948 und stellte die Zahlen einfach auf 1984 um.
Ähnlich wie im Buch die Losung „Krieg ist Frieden“ den Krieg rechtfertigt und die gesellschaftliche Einheit durch den Zusammenhalt gegen einen äußeren Feind beschworen werden soll, versucht der russische Staat die Deutung der Vergangenheit zu kontrollieren und den Krieg gegen die Ukraine zu legitimieren. Schon 2015 wurde das Gesetz Nr. 354.1 „Rehabilitierung des Nationalsozialismus“ im russischen Strafgesetzbuch eingeführt. Darunter fällt auch die Verleumdung der Rolle der UdSSR im Zweiten Weltkrieg und eine "falsche" Darstellung der Siege der Roten Armee sowie die öffentliche Schändung von Symbolen des militärischen Ruhms Russlands.
Angesichts all dieser Gesetze ist es im heutigen Russland äußerst schwierig, sich gegen den Krieg auszusprechen. Deswegen macht sich die russische Gesellschaft solche allegorischen Praktiken zunutze und stellt den Roman „1984“ ins Schaufenster, was im heutigen Russland sogar ein Verbrechen darstellt.
Lesetipps:
Russia. Crimes against History, hg. v. International Federation for Human Rights, in: FDIH Report Nr. 770a (2021), russie-_pad-uk-web.pdf [09.11.2022].
Gabowitsch, Mischa: Von „Faschisten“ und „Nazis“. Russlands Geschichtspolitik und der Angriff auf die Ukraine, in: Blätter für deutsche und internationale Politik Nr. 5 (2022), S. 55-62.
Dubowy, Aleksander: Das Strafvollzugssystem der Russischen Föderation. Bestrafung statt Resozialisierung?, in: Russland-Analysen Nr. 401 (19.04.2021), https://www.laender-analysen.de/russland-analysen/401/strafvollzugssystem-der-russischen-foederation-bestrafung-statt-resozialisierung/ [07.11.2022].
Vera Dubina ist Historikerin und Gastwissenschaftlerin an der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen. Sie nahm an mehreren internationalen Projekten zu Erinnerungskultur teil und war Stipendiatin der Alexander von Humboldt Stiftung, der Bundestiftung Aufarbeitung der SED Diktatur und der Gerda-Henkel Stiftung.
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